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News, Feb 2023

VdM #8 – Dear Data

besprochen von Julia C. Ahrend

Storytelling mit Daten

Über ein Jahr haben sich die Informationsdesignerin Giorgia Lupi und die Designerin sowie Künstlerin Stefanie Posavec Postkarten mit ihren persönlichen Datenvisualisierungen zugeschickt. Dafür haben sie jeweils eine Woche lang zu einem bestimmten Thema Daten gesammelt. Entstanden ist daraus das Buch „Dear Data“. Für unsere Visualisierung des Monats #8 haben wir uns exemplarisch eine Woche ausgesucht, in der es um Verabschiedungen geht.

Ein Thema – Zwei verschiedene Grafiken

Um das Thema zu visualisieren haben Giorgia Lupi und Stefanie Posavec jeweils festgehalten, wie oft sie sich in welcher Art von wem verabschiedet haben. So sind zwei individuelle Grafiken entstanden. Doch worin unterscheiden sie sich? Was haben sie gemeinsam? Und was können wir daraus für die Wissenschaftskommunikation lernen?

Die Farben der Hauptglyphe, Kreis oder Vieleck, stellen jeweils unterschiedliche Personen dar. Die Farben der zusätzlichen Glyphen, Kreuz oder Dreieck unter dem Vieleck, geben Auskunft über den Kontext der Verabschiedung. Giorgia Lupi (links) hat außerdem die Form der Vieleck-Glyphe mit einer Informationsebene versehen und gibt an dieser Stelle Auskunft über das „Wo hat das Goodbye stattgefunden?“.

Stefanie Posavecs Grafik (rechts) bietet dem Auge durch die drei kontrastreichen größeren Kreise verschiedene Einstiegsmöglichkeiten. So stellt sie beispielsweise dar, dass sie sich von ihrem alten Studio verabschiedet hat. Die Größe des dunkelgrünen Kreises bedeutet dabei, dass es ein finales „Goodbye“ war. An der Spalte, in der der Kreis steht, lässt sich außerdem erkennen, dass die Verabschiedung am Donnerstag der betreffenden Woche war. Auch führt sie auf, wem sie wo auf Wiedersehen gesagt hat. Daran lässt sich ablesen, was sie in der Woche erlebt hat. Sie erzählt also über die Visualisierung der Daten eine Geschichte, auch wenn es etwas Decodierungsarbeit nötig ist, um sie zu Lesen.

Das Potenzial von abstrakten Grafiken

Abstrakte Illustrationen bergen das Potenzial Stimmungen und Gefühle zu transportieren – etwas wofür Balkendiagramme weniger bekannt sind. Ornamenten und Dekor hingegen wird im Design – trotz kontroverser Diskussion – die Fähigkeit zugeschrieben eine „bestimmte Art des Vergnügens hervorzurufen“. Gute Dekoration ist die, die eine Botschaft gelungen umrahmt, also ihre Kommunikation stützt. (vgl. Heller & Vienne, 2019). Abstrakte Grafiken wiederum erfüllen den Zweck, bei uns Bilder hervorzurufen, die unsere Vorstellungskraft unterstützen (vgl. Heller & Vienne, 2019). Gestalterisch bedient sich die Abstraktheit der beiden Grafiken zur Entfaltung ihrer Wirkung den Prinzipien der Ornamentik.

Visueller Code – Dekodierung einer Geheimsprache

Die Form dieser Datenvisualisierung ist nicht die eines bereits bekannten Diagrammtyps, sondern die eines visuellen Codes. Wie in einer Geheimsprache ist jeder Glyphe, zum Beispiel einem Kreis oder Dreieck, eine Bedeutung zugeordnet. Zusammen mit der Legende lässt sich dann entschlüsseln, welche Daten hier in visuellen Code transferiert werden. Allerdings ist die Legende auf die Rückseite verlagert, so dass sie nicht direkt sichtbar ist. Verstärkt durch die Tatsache, dass weder Achsenbeschriftungen, noch Über- oder Untertitel angebracht sind, sind die Grafiken für uns also zunächst nicht lesbar. Sie verweigern sich dem Rezipierenden. Dem Pionier der Datenvisualisierung Edward Tufte folgend, wird hier den Nutzenden also nicht ausreichend Verständnismöglichkeit gegeben:

„Graphical Exellence is that what gives to the viewer the greatest number of ideas in the shortest time with the least ink in the smallest space.“ (Tufte, 2001, S.51)

Nach Tufte entsprechen die beiden Grafiken in diesem Punkt somit nicht dem Prinzip „grafischer Exzellenz“. Er hat seine Prinzipien jedoch vor dem Hintergrund von Grafiken entwickelt die klar und schnell mit der Öffentlichkeit kommunizieren wollen. Dies entspricht nicht dem Konzept, welches Giorgia Lupi und Stefanie Posavec hier zu Grunde gelegt haben: Sie wollen explizit visuelle Potenziale erkunden, mit neuen Darstellungsmethoden experimentieren und sich durch Daten-Geschichten gegenseitig kennenlernen. Der Maßstab von Tuftes Exzellenz-Kriterien wird diesem Vorhaben nicht gerecht und so braucht es Wertkriterien, die den hier verfolgten Zwecken gerechter werden.

Von Exzellenz zu Expressivität

Für den im Projekt Dear Data gestalterisch erschlossenen Raum, nutzt Jo Wood den Begriff der „Expressiveness“ (Expressivität). Im Visual Essay „Beyond the Walled Garden“ weist er auf das Wechselspiel von Expressivität zu Effektivität in der Kommunikation (im Bezug auf das Verständnis der Nutzenden) in der Informationsgrafik hin. Hier findet sich somit ein Beispiel, welches Woods Theorie untermauert: eine hohe visuelle Expressivität und Dekodierbarkeit sind nur schwer gleichzeitig erreichbar. Weiter stellt er die visuellen Künste als Erprobungsraum für diese Expressivität und ihr emotionales Vermittlungspotenzial dar. Was Giorgia Lupi und Stefanie Posavec mit ihren Grafiken tun, ist eine visuelle Erkundung dessen, was jenseits von tradierten informationsgrafischen Formsprachen liegt – ihrer Expressivität.

Expressivität durch Farbe und Kontraste

Doch wie genau drückt sich diese Expressivität aus? Farbe ist ein Indikator für den Ausdruck eines visuellen Erzeugnisses. Beide Grafiken nutzen eine pastellige Farbpallette. Dies sorgt bei beiden für eine ruhige Grundstimmung.

Die Grafik von Giorgia Lupi wirkt außerdem homogener und gleichmäßiger. Dies liegt zum einen am großzügigen Einsatz von Weißraum und daran, dass sie die Glyphen nicht unterschiedlich skaliert hat, so wie Stefanie Posavec. Beim Abscannen mit dem Auge scheinen die einzelnen Elemente nicht besonders unterschiedlich. Der größte Farbkontrast findet sich in der Hell-Dunkelverteilung vom Hintergrund zu den braun eingefärbten Glyphen. Da diese jedoch ebenfalls ausgewogen auf dem Papier verteilt sind, unterstützen auch sie die regelmäßige, ruhige Wirkung. Selbst die beiden Elemente des Sterns und der uncolorierten Glyphe brechen diesen monotonen Rhythmus kaum.

Demgegenüber ist Stefanie Posavecs Visualisierung kontrastreicher, was vor allem am Formkontrast der drei großen Kreise liegt. Der Farbkontrast in diesen drei Glyphen bestärkt diesen noch. Die Grafik wirkt unruhiger aber auch dynamischer. Aus ästhetischer Perspektive sind die Farbwirkungen zwar zunächst ähnlich, jedoch sorgt die Komposition der Elemente auf dem Papier für unterschiedliche Dynamiken.

Data Humanism

Ergänzend zur Farbe wirkt die Ausführung der Grafiken auf die Expressivität. Diese ist eindeutig handgemacht und die Technik verweist so auf den Menschen als Urheber. Giorgia Lupi selbst prägt den Term des „Data Humanism“. Hierbei zielt sie jedoch nicht nur auf die Produktionstechnik ab, sondern auch auf das Bewusstwerden der Unschärfe in jedem Datensatz.

Gerade Linien und exakte Kreise lassen uns glauben, dass die zu Grunde liegenden Daten genauso exakt seien. Doch die meisten Datenerhebungs-, Dokumentations-, Auswertungs- und auch Visualisierungsprozesse haben Unschärfen. Ein händischer Duktus macht die Welt der Daten laut Lupi wieder humaner. Auch stecke in dem Skizzieren mit Daten – sprich dem, was sie im hier vorgestellten Projekt tut – das Potenzial neue Darstellungsformen zu erproben. So lässt sich neues Terrain der Visualisierung nicht nur im Sinne der Expressivität, sondern auch im Sinne eines „Data Humanism“, betreten, eben indem wir uns händisch mit seinen Daten auseinandersetzen.

Data Humanism für die Wissenschaftkommunikation

In den Dear Data-Visualisierungen steckt eine andere Funktionalität: Die der Expressivität und den dadurch zum Ausdruck kommenden „Data Humanims“. Sicherlich variiert die Wahrnehmung dieser Expressivität stark je nach Kontext. Eine Person, die das gesamte Dear Data-Buch in gedruckter Form vor sich liegen hat, nimmt die Visualisierungen anders wahr, als eine Person, die lediglich einige Auszügen sieht. Auch nehmen unterschiedliche Gruppen der Bevölkerung die Grafiken unterschiedlich wahr.

Vor dem Hintergrund von Wissenschaftskommunikation, in welcher oft ambivalente Verhältnisse und ständig wandelbare Prozesse kommuniziert werden, ist Giorgia Lupis humanistischer Ansatz eine Möglichkeit Unsicherheiten grafisch gerecht zu werden. Wenn die formalästhetische Beschaffenheit der Grafik es über ihre Expressivität schafft, die Betrachterinnen und Betrachter zum Dekodieren einzuladen, sie neugierig zu machen oder schlicht ihre Aufmerksamkeit zu erregen ist schon ein Ziel der Wissenschaftskommunikation erreicht.

Quellen/Literatur:

Dear Data

Heller, S., & Vienne, V. (2019). 100 Ideas that Changed Graphic Design. Laurence King Publishing.

Data Humanism, the Revolution will be Visualized.

Wood, J. (2022). Beyond the walled garden: A visual essay in five chapters.

Alle Bilder © Giorgia Lupi/Stefanie Posavec

Über die Visualisierung des Monats

In der Serie „Visualisierung des Monats“ stellen wir jeweils am zweiten Mittwoch des Monats eine herausragende Visualisierung vor. Ein Kriterium bei der Auswahl ist, inwieweit diese aus Design-Perspektive ästhetisch und emotional ansprechend ist. Außerdem schauen wir uns den Informationsgehalt an. Dazu gehört auch, wie die Nutzerinnen und Nutzer der Visualisierung dabei unterstützt werden, komplexe Zusammenhänge besser zu verstehen. Die Auswahl erfolgt innerhalb des KielSCN-Teams und bezieht das Fachwissen aus den Bereichen Informationdesign, Bildungswissenschaften und Emotionsforschung sowie der Wissenschaftskommunikationsforschung ein.


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